Juliane Kästner: Ich erinnere mich noch gut daran. Vor vielen Jahren fuhr ich mit einem Fahrrad an einer italienischen Küstenstrasse entlang, die Hörer eines portablen CD Players in meinen Ohren, und hörte Ihr Lied „Elegia ai caduti“ (Elegie an die Gefallenen). Die Melodie trieb mich dazu, immer schneller zu fahren und ich war emotional tief von ihr berührt. „Libertà sarà“ konnte ich auch ohne Italienisch-Kenntnisse verstehen. Ihr kürzlich erschienenes Buch trägt den Titel „Verse für die Freiheit“. Was ist für Sie Freiheit?

Pippo Pollina: Freiheit spielte schon immer eine sehr wichtige Rolle in meinem Leben, auch wenn ich noch nicht die richtige Antwort darauf gefunden habe, was Freiheit eigentlich ist. Auf der einen Seite geht es um die Freiheit des Menschen innerhalb einer Gesellschaft, auf der anderen Seite um die Freiheit von sich selbst.

Sie ist mir gerade dort wichtig, wo Diktatur herrscht, wo Menschen in ihren Bewegungen, ihren Gedanken nicht frei sind. Der andere Aspekt von Freiheit hat mit mir selbst zu tun, damit, mich selbst von eigenen Bindungen oder Konzepten zu befreien. Ich bin frei, wenn mir egal ist, was die anderen von mir denken, ich mich nicht an Konventionen halte.

Als Musiker und Komponist muss ich mich frei fühlen vom Musikmarkt, von Trends, vom eigenen Publikum, dass mir stets treu gefolgt ist und mir vielleicht einmal nicht mehr folgen wird. Ich habe immer versucht, dieses Gefühl der Freiheit in mir selbst zu finden, in allem, was ich tue. Manchmal ist es mir gelungen, manchmal nicht. Aber wenn, dann war es ein sehr schönes Gefühl.

Auch in Ihrem neuesten Album „Il sole che verrà“ (Die Sonne, die wiederkommt) setzen Sie sich mit der Politik Europas auseinander. Was wünschen Sie sich für Europa?

Es wäre schön, wenn sich Europa bewusst wäre, wie wichtig es für die Weltgeschichte ist. Ich wünsche mir, dass unser Kontinent seinem politischen Profil der Solidarität und demokratischen Werte treu bleibt, den Werten der Philosophie und Wissenschaften von Aristoteles bis Einstein.

Wir sind die Erfinder der Demokratie und verfügen über viele Erfahrungen, die wir mit jüngeren Nationen teilen können. Ich denke da beispielsweise an die USA, ein Land, das einen sehr grossen Einfluss auf die Geschichte unseres Planeten hat.

Wir sollten die Europäische Identität schützen und all unsere Entscheidungen im Bewusstsein der Solidarität und Demokratie treffen. Europa muss ein Gleichgewicht finden zwischen diesen politischen Werten und den Interessen der Wirtschaft. Heute hat die Wirtschaft ein viel zu grosses Gewicht und einen viel zu hohen Einfluss.

„Ich werde mein Versprechen wieder finden und irgendwo zwischen den Grenzen die Hoffnung“, stammt aus Ihrem Lied „Wie kann ich dir je sagen“. Mit Ihrer Kunst möchten Sie den Humanismus wieder ins Zentrum stellen. Sie schreiben und singen Hoffnungslieder…

Ja, denn Hoffnung bedeutet, nicht in einer Warteposition zu verharren, sondern aktiv zu sein.

Alle, die ein Herz haben und die sich für die Zukunft der nächsten Generation interessieren, müssen sich auf eine Wertebasis einigen und diese schützen. Auch wenn es bedeutet, dass uns dies wirtschaftlich vielleicht nicht unbedingt einen Vorteil verschafft. Die Erde ist ja keine Zitrone, die man unendlich auspressen kann.

Es ist nur eine Frage der Zeit und dann werden wir teuer für das bezahlen, was wir heute tun. Viele Menschen sind krank, sei es durch das industrielle Konzept der Ernährung oder durch Umweltverschmutzung. Der Mensch besitzt zwar die Fähigkeit, sich anzupassen. Aber ich glaube, nur bis zu einem gewissen Punkt.

Wir können nicht immer alles delegieren. Je mehr wir autonom entscheiden und Teil der Debatte sind, umso mehr festigt sich die Demokratie in ihrer Funktion und die Welt wird das Resultat unseres gemeinsamen gesellschaftlichen Willens sein. Demokratie ist keine sterile Formel.

Pippo Pollina wurde 1963 in Palermo geboren. Er engagierte sich als politischer Journalist gegen die Mafia, verliess aufgrund der auswegslosen politischen Lage in den 1980-iger Jahren Italien und reiste als Strassenmusiker durch ganz Europa. Linard Bardill entdeckte ihn in Luzern und lud ihn ein, Lieder für ein gemeinsames Album aufzunehmen und anschliessend zusammen auf Tournee zu gehen. Seine Arbeit in den über 30 Alben ist geprägt von kraftvollem, emotionalem Gesang und lyrischen Erzählungen in Italienisch, Sizilianisch, Französisch oder Deutsch. Pippo Pollino arbeitet gern mit anderen Künstlern zusammen und findet immer neue musikalische Ausdrucksformen. Er lebt in Zürich, ist verheiratet und hat zwei Kinder, die beide musikalisch tätig sind.

Ich durfte Ihre Musik in einem Konzert diesen Januar geniessen, indem Sie als Zugabe „Bella Ciao“ spielten. Warum dieses Lied?

Bella Ciao ist einerseits ein sehr schönes Lied mit einer bezaubernden Melodie, die einfach zu singen ist und die jeder kennt.

Für mich als Italiener hat Bella Ciao andererseits eine klare politische Bedeutung. Ich geniesse heute eine Demokratie, die das Resultat der Widerstandsbewegung gegen den Faschismus während des Zweiten Weltkrieges ist.

Das Lied ist mir aber auch persönlich sehr wichtig. Ich habe es als Kind häufig gesungen.

Was repräsentiert das Lied heute für Sie? Widerstand gegen…

Faschismus hat viele verschiedene Gesichter. Durch die Entwicklung der Kommunikationstechnologie sind wir heute gleichzeitig mit 250 Nationen verbunden. Wir Menschen sind informiert und uns bewusst, dass wir auf der Welt in ganz unterschiedlichen politischen Situationen leben. Es gibt Länder, in denen die Menschen wie vor 100 Jahren leben, Länder, die zukunftsorientiert sind, Länder, in denen die Wirtschaft alles entscheidet, Länder, in denen Gewalt selbstverständlich ist, Länder, in denen Demokratie gelebt wird. Deshalb muss man immer unterscheiden, von Land zu Land, von Region zu Region.

Was in Syrien passiert, ist schlimmer als im Faschismus des Zweiten Weltkrieges. Die Menschen leben unter der Diktatur ihres Präsidenten und im Zentrum einer internationalen Aufmerksamkeit, in dem verschiedene Kräfte und Faktoren eine Rolle spielen: ISIS, Russland, die Türkei oder Europa.

Wir Menschen sind alle wie in einer riesigen Kette miteinander verbunden. Jeder Ring dieser Kette stellt eine andere Realität dar. Als Beobachter, als Künstler oder Intellektueller ist es sehr schwierig, eine Situation zu betrachten, ohne die Verbindungen, die wir alle miteinander haben, miteinzubeziehen.

Frankreich beispielsweise ist eines der ältesten Demokratien und Ergebnis der Französischen Revolution. Aber was ist dieses Land? Eines, das in seiner Rolle als Kolonialmacht für den Tod vieler Menschen verantwortlich war und auch heute noch ist in Libyen oder Syrien. Keine Nation ist unbescholten.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie sich für einen Künstler der Moment anfühlt, wenn nach der Vorstellung der Vorhang fällt, von der Einsamkeit hinter der Bühne und dem zur Erinnerung werdenden Applaus. „Und so tritt aus der Leere, die uns umgibt, der Sinn des Lebens selbst hervor, dieses seltsame und verkannte Verlangen, nie zu verweilen, sondern weiterzugehen, immer weiterzugehen, unendlich weiterzugehen. Wird so das Ende sein?“ Da glücklicherweise kein Mensch diese Frage zu seinem Ende beantworten kann, frage ich Sie: Wohin zieht es Sie in Ihrem Weitergehen?

Manchmal sind es ganz einfache, sportliche Mechanismen. Ich habe das Gefühl, mich bewegen zu müssen, damit mein Lebensimpuls zum Ausdruck kommen kann. Warum habe ich diesen Impuls, dieses Bedürfnis? Ich glaube, dass jeder von uns seine eigene Antwort auf diesen Impuls finden muss.

Gerade als Musiker, als Künstler spielt dieser Impuls eine wichtige Rolle. Ich denke da an Kollegen von mir, die in einem hohen Alter noch immer auf der Bühne stehen. Auch hier kommt wieder die Frage nach der Freiheit auf. Bin ich in der Lage zu erkennen, wann der Moment da ist, aufzuhören? Was treibt mich an? Bin ich unabhängig vom Rampenlicht, vom Applaus, von der Aufmerksamkeit?

Ich habe immer die Künstler bewundert, die sehr früh aufgehört haben. Weil sie erkannt haben, dass sie alles gegeben haben. Sie haben entschieden, ihre Energie für etwas anderes einzusetzen. Es geht aber auch darum, die Freiheit zu haben, weiter zu machen, frei von der Beurteilung anderer. Beide Wege sind Ausdruck von Freiheit.

Herzlichen Dank für dieses Gespräch, Pippo.