In den zurückliegenden Jahren beobachtete ich eine wachsende Veränderung unter meinen Freunden und Bekannten. Einige kündigten ihre feste Anstellung, um ein Startup zu gründen. Andere wurden zunehmend unzufriedener in ihren Jobs, dürstend nach einer Arbeitsumgebung geprägt von Selbstbestimmung, Wertschätzung und Freiraum für Innovation.

Ich habe nicht nur ein steigendes Bedürfnis nach Gestaltungsspielraum und Verantwortung wahrgenommen, sondern auch nach einem langfristig-orientierten Unternehmertum.

Tektonische Verschiebung

Peter Drucker erkannte bereits 1985 eine solche tektonische Verschiebung im Anfangsstadium und beschrieb die Bewegung und die damit verbundenen Dynamiken wie die Globalisierung, den demografischen Wandel oder die rapide Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologie in seinem Buch Innovation and Entrepreneurship.

“… der breite kulturelle Wandel unterstützt die Breitenwirkung des Unternehmertums. Eine Tätigkeit, die einst als Randerscheinung, die vielleicht sogar als ein bisschen suspekt angeschaut wurde, ist nun cool, gefeiert von Politikern und von den neuen Generationen zu eigen gemacht. Dennoch bedarf die Herausbildung einer Unternehmenskultur eine breitere Transformation der Wirtschaftsgefüge unserer Gesellschaft, wie wir dies an der Zunahme freier Mitarbeiter in Form von Auftragnehmern, Freelancern oder selbständig Erwerbstätigen sehen… Gleichzeitig werden in einer Welt des schnellen Wandels häufige Stellenwechsel und sich verändernde Karrierewege, Wechsel zwischen der Rolle als Angestellter und Selbständiger eher die Regel als die Ausnahme werden.” (8th Global Peter Drucker Forum “The Entrepreneurial Society”)

Lassen wir uns einen kurzen Blick darauf werfen

Der Swiss Start-up Monitor 2013 verzeichnet eine konstant ansteigende Gesamtzahl an Startups mit mehr als 12’500 an neuen Unternehmensgründungen 2010 (im Vergleich zu 384’000 Kleinunternehmen mit weniger als 2 Vollzeitbeschäftigten) und eine ziemlich niedrige Sterberate von Unternehmen von 3.5% (im Vergleich mit dem Europäischen Durchschnitt von 8.3%). Die führenden fünf Branchen mit dem höchsten Anteil an Startups sind ICT, Medizinaltechnik, Ingenieurswesen, Biotechnologie und Energie & Greentech. 

The Report on Small Firms 2010-2015 spricht sogar von einem “Goldenen Zeitalter für Kleinunternehmen” im Vereinigten Königreich. Der Bericht konstatiert eine Rekordzahl von über 5.2 Millionen Kleinunternehmen mit einem Anstieg von 760’000 seit 2010. Verglichen mit 30.8 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter, gibt es über 4.5 Millionen selbständig Erwerbende mit einem Anstieg von über 500’000 seit 2010. Kleinunternehmen stellen 48% der Arbeitsplätze des Privatsektors. Es wird immer weniger wahrscheinlich, dass Menschen während ihrer gesamten beruflichen Laufbahn in einem Grossunternehmen arbeiten als noch vor 30 Jahren.

Von Kleinunternehmen zu Unicorns (Milliarden-Dollar-Startups): Die Zahl der Europäischen Unicorns (nur Technologieunternehmen berücksichtigt) wächst von Jahr-zu-Jahr um 33%. Die Top-Fünf Länder sind das Vereinigte Königreich, Schweden, Deutschland, Russland und Frankreich.

Und wie gestaltet sich die weltweite Entwicklung von Startups? Die USA führt im Jahr 2015 mit einer absoluten Gesamtzahl von 4.8 Millionen Startups, gefolgt von Indien (2.0 Millionen), dem Vereinigten Königreich (845’000), Indonesien (771’000) und Brasilien (584’000). Lydia Dishman spricht in ihrem Artikel “The State of the Most Influential Startups on Earth” davon, dass Schätzungen jüngst ergaben, dass Klein- und Mittelunternehmen mehr als 90% der globalen Unternehmen ausmachen.

Ist Unternehmer zu werden eine Wahl in einer bestimmten Lebensphase?

Und was bedeutet Unternehmertum für uns? Macht über etwas oder jemanden zu bekommen oder die Macht, etwas zu schaffen?

In der Schweiz ist der typische Unternehmensgründer nicht in seinen/ihren Zwanzigern, sondern im Alter zwischen 30 und 49. Erfahrungen in der Geschäftsführung, im Management, in der relevanten Branche und Arbeitserfahrung generell scheinen dabei von grosser Wichtigkeit zu sein. Dasselbe Bild zeigt sich bei den Europäischen Unicorns, die in den meisten Fällen von erfahrenen Unternehmern im Alter zwischen 30 und 40 Jahren gegründet wurden.

Der Anstieg der selbständig Erwerbenden im Vereinigten Königreich entstand auf eigenen Wunsch. Die Unternehmensgründer sahen die Gründung eher als Möglichkeit an und weniger darin, keine andere Alternative gehabt zu haben. Eine breite Umfrage unter Geschäftsinhabern hat ergeben, dass 84% der Befragten zustimmten, dass ihre Selbständigkeit zu mehr Zufriedenheit im Arbeitsleben geführt hat und dass lediglich 27% zur Selbständigkeit übergingen, um der Arbeitslosigkeit zu entgehen.

Für die Unternehmer ist das Erzielen von Einkommen als selbständige Person ein aktiv gewähltes Modell, um ihre Fähigkeiten besser nutzen und einbringen zu können. Zusätzlich bietet ihnen dieses Modell mehr Flexibilität und eine vielfältige Karriere.  Selbständigkeit wird nicht als armer Cousin der Anstellung angesehen.

Staatliche Regulierung und finanzielle Ressourcen

Die Länder mit der attraktivsten staatlichen Unterstützung von Startups sind Singapur, das Vereinigte Königreich, Chile, Finland und Israel. Singapur beispielsweise liess US$ 48M in sechs Risikokapitalfonds einfliessen, das Vereinigte Königreich gewährte Entlastungen für die Einkommensteuer von Investitionen bis zu £100’000, Israel gab US$ 450M für Startfinanzierungen und Forschungsprojekte aus.

Es gibt sogar Länder, die Unternehmer-Visen ausstellen (bspw. Australien, Neuseeland oder das Vereinigte Königreich) oder beschleunigte Unternehmer-Visen (bspw. Irland, Spanien oder die Niederlande), um einen schnellen Zugang in das eigene Land zur Unterstützung von Startups zu gewähren. In Kanada, Chile oder Dänemark helfen Inkubations-Programme Startups auf die Beine.

Selbst in Frankreich beginnen sich die Dinge zu ändern, in einem der Länder mit der weltweit höchsten Arbeitslosenquote. “Die Regierung findet langsam heraus, welche Knöpfe sie drücken, und welche sie lieber dem Privatsektor überlassen sollte.”

In der Schweiz selbst setzt sich der grosse Teil des Startkapitals für junge Unternehmen aus Risikokapitalgebern, aus eigenen finanziellen Mitteln oder denen von Freunden und Familie sowie aus Unterstützungsleistungen von Business Angels zusammen.

Wird uns das Unternehmertum helfen, wieder mehr Wachstum durch Innovation zu erreichen?

Das World Economic Forum und die G20-Länder fordern ein verstärktes Wirtschaftswachstum, welches durch die Förderung von Wettbewerb, Unternehmertum und Innovation erreicht werden kann.

“Der Wunsch, das Wirtschaftswachstum durch mehr Unternehmertum und Innovation zu stimulieren, ist ein gemeinsames Thema der Regierungspolitik seit den 1970-er Jahren. Die Ursprünge dieses Interesses können bis zum Bericht “The Job Generation Process” von Professor David Birch des MIT zurückverfolgt werden, welcher 1979 veröffentlicht wurde.”

Die Schlüsselerkenntnis dieser Arbeit war, dass die Schaffung von Arbeitsplätzen nicht von Grossunternehmen erbracht wird, sondern von kleinen, selbständig geführten Unternehmen. Der Bericht empfiehlt, dass die Regierungspolitik eher indirekte als direkte Strategien anvisieren sollte mit einem grösseren Fokus auf die Rolle von Kleinunternehmen.