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Ich bin nicht nur die Deutsche

„Deutsche fühlen sich in der Schweiz nicht wohl und finden es schwierig, sich zu integrieren“, lasen mir meine Eltern zu diesem wiederkehrenden Thema aus einem entsprechenden Artikel gerade kürzlich vor. Ich selbst bin Deutsche. Und mir geht es nicht so.

Zugegeben. Ich lebe bereits seit über 26 Jahren in der Schweiz, zuerst im Kanton Solothurn, danach in St. Gallen, Zürich, Basel, Bern und wieder in Zürich.

Nach einem eher „harzigen“ Einstieg schloss ich schnell Freundschaften, lernte viele neue Menschen kennen und wurde an alle möglichen Events eingeladen: an elterliche Abendessen (Wer ist diese neue Schulkollegin von meinem Sohn?), an Partys in Garagen oder unter Autobahnbrücken (no details), an chillige Nachmittage an der Aare oder an Fotoausflüge.

Ja, der Einstieg war harzig. Es gab nicht nur verbale Angriffe und Beleidigungen. Meine jüngere Schwester wurde von Klassenkameraden auf dem Schulweg verprügelt, einfach, weil sie Deutsche ist. Dies war der einzige körperliche Angriff, die verbalen nahmen mit der Zeit immer mehr ab. Oder vielleicht höre ich sie auch gar nicht mehr und ignoriere sie automatisch.

Dies mag daran liegen, dass ich mich selbst nicht als Deutsche definiere. Ich bin ein Mensch, den das Leben in die Schweiz geführt hat. Ich bin Partnerin, Tochter, Nachbarin, Freundin, Berufsfrau, Coach oder Bloggerin. Ich begeistere mich für Science Fiction, Philosophie, Psychologie, Gesellschaftsthemen, Ölmalerei, Fotografie, Comics, Bücher im allgemeinen oder für verschiedene Musikstile aus aller Frauen Länder. Und da ich mich selbst nicht über meine Nationalität definiere, gehe ich auf die Schweizer, Italiener, Franzosen, Engländer, Chinesen oder welcher Nationen auch immer, als Mensch zu. Denn dieser interessiert mich.

Ich denke auch, dass vor allem die eigene Persönlichkeit eine grosse Rolle spielt. Egal, ob man in die Schweiz auswandert oder nach Australien oder Timbuktu. Offen auf andere Menschen zugehen, sich für sie interessieren, auch einmal zu lächeln oder die lokalen Gegebenheiten der Gemeinschaft verstehen, hilft Verbindungen aufzubauen. Nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Timbuktu.

Wir sind mehr als unser Pass. Wir sind Individuen mit verschiedenen Rollen, Interessen und Vorlieben. Offenheit für unsere Mitmenschen und Eigeninitiative öffnet uns Türen. Und das Lächeln nicht vergessen.

4 Comments

  1. Natascha Buck 23. September 2016 at 12:34 - Reply

    Liebe Juliane

    Ich verstehe diese Trennung nach Nationalitäten nicht so ganz. Für mich bist und bleibst Du ein wunderbarer Mensch. Egal welche Farbe Dein Pass hat.
    Für meinen Teil, meiner ist rot, danach fühlen tue ich mich nicht. Nur schon ein Abstecher in ein abgelegenes Schweizer Tal, lässt mich zur unbeliebten “Zürcherin” werden – einfach weil ich als anders wargenommen werde. Darüber hinwegsehen und die Persönlichkeit wirken lassen ist “the way to go”.
    Betroffenen Kindern hilft diese Empfehlung nicht viel, wenn sie verhaut und gemobbt werden – dort wird jedes “anders sein” als Grund verwendet, solche Menschen gezielt auszugrenzen.

  2. Juliane Kaestner 23. September 2016 at 12:54 - Reply

    Liebe Natascha
    Ja, ich verstehe diese Nationalitätentrennung auch nicht. Kürzlich wurde ich wieder einmal in Amsterdam gefragt, wo ich herkomme. Ich finde diese Frage mit der Zeit immer langweiliger. Denn, was sagt es über mich aus?
    Wie du so schön beschreibst, findet auch innerhalb eines Landes eine “Trennung” statt. Nord gegen Süd (“Fischköpfe” gegen Bayern), West gegen Ost (Glasgow gegen Edinburgh), Kanton gegen Kanton (die unbeliebten Zürcher), oder Sprachregionen untereinander (Röschtigraben).
    Menschen, die “anders” sind, sind für die einen von uns spannend und befruchtend, für die anderen eine Bedrohung. It’s your choice.

  3. Gabriela Bonfiglioli 25. September 2016 at 09:38 - Reply

    Liebe Juliane..Dein Artikel hat für mich das Thema genau auf den Punkt gebracht. Dankbar für Deine Worte..sie sprechen meine Sprache.

  4. Erwin Meier 30. August 2017 at 16:07 - Reply

    Wer Freunde aus Hamburg, Köln, München und Düsseldorf hat, wird nie mehr von “den Deutschen” sprechen. “Den Schweizer” gibt es ja auch nicht… 😉 Und ein Bisschen Rivalität darf ja kultiviert werden: So wie dem Düsseldorfer der Kölner (mindestens “biertechnisch”) fremd ist, so ist es mit dem Basler und dem Zürcher. “Den Deutschen” und “den Schweizer” gibt es zum Glück nicht.

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