Interview zwischen R und Juliane Kästner
Alter41Beruflich tätig alsUnternehmensberater
GeschlechtsidentitätmännlichArbeitsortim Büro / zu Hause
Sexuelle OrientierungheterosexuellBeziehungsstatusfeste Beziehung

1. Wie geht es dir?

Mir geht es momentan recht gut. Corona hat auf mich keine extremen Auswirkungen. Es fühlt sich für mich in einigen Bereichen eher nach einer Einschränkung an. Die Möglichkeiten fehlen mir. Ich hatte vorher eine Phase, in der ich meine Partnerin bei einer Semesterarbeit unterstütze. Dadurch waren auch die Wochenenden recht intensiv. Und die Abwechslung, die mir in dieser Zeit fehlte, fehlt mir jetzt gerade umso mehr.

Ich nutze aber die Zeit, um Themen anzugehen, die ich vorher schon länger im Kopf hatte. Wir spielen jetzt zum Beispiel zu Hause mehr Brettspiele am Abend, anstatt Fernsehen. Ich entdecke langsam ein Interesse am Kochen. Es fällt mir momentan auch einfacher, wieder ins Intervall-Essen zu kommen. Und ich meditiere intensiver, eine Stunde am Tag.

Die aktuelle Zeit empfinde ich als Rückzugsphase. Und sie dient mir gleichzeitig als Katalysator, sowohl beruflich als auch im Privaten. Es kommen sehr viele Spannungen und Emotionen hoch, die vorher bereits vorhanden waren, aber jetzt greifbarer werden. Ich schätze das sehr.

Wie gehst du mit diesen Spannungen um?

Auflösen von Spannungen heisst konkret für mich, dass ich erst einmal akzeptiere, dass sie da sind, dass ich sie wahrnehme. Ich bemerke auch mehr und mehr, dass es beziehungstechnische Dinge gibt, die mich sehr stark in die Vergangenheit ziehen. Das bringt mich und unsere Beziehung aber nicht weiter.

Die Corona-Krise bietet mir die Möglichkeit, mich selbst auf den Prüfstand zu stellen, an diese Themen heranzugehen und sie zu klären. Ein Ausweichen wird immer schwieriger. Ich spüre in mich hinein und stelle mir Fragen. Was läuft gerade? Was kommt da hoch? Will ich überhaupt darauf eingehen? Wie könnte ich mich einmal anders verhalten? Und dann gibt es auch ein neues Ergebnis.

Ich adressiere öfter, was mir wichtig ist. Ich grenze mich mehr ab, um mir Zeit für mich selbst zu nehmen.

Du gehst bereits auf die zweite und dritte Frage über. (lacht) Wie du momentan mit deiner Partnerin kommunizierst und was sich seit dem LockDown in eurer Beziehung verändert hat.

Wir haben morgens mehr Zeit füreinander. Abends gehe ich zum Teil eher nach Hause, so dass wir noch zusammen essen können. Wie auch schon vorher, stimmen wir uns zum Beispiel über WhatApp terminlich miteinander ab. Das hängt aber stark davon ab, wie ich eingebunden bin. Es ändert sich dahingehend, dass ich glaube, dass die Abstimmung für uns noch wichtiger wird. Was läuft am Abend, was habe ich noch?

4. Was schätzt du in deiner Beziehung im Moment am meisten? Was vermisst du?

Ich habe gemerkt, dass wir uns über das Thematische immer wieder gemeinsam unterhalten können. Das schätze ich enorm. Weil ich einfach merke, dass das, was ich in meiner Unternehmensberatung als Wegbegleiter zur Veränderung der Arbeitswelt und persönlichen Transformation mache, letztlich nur eine Ausprägung ist. Und das lege ich dann am Abend ja nicht einfach ab.

Die wirkliche Herausforderung für uns als Paar ist der Alltag, in dem vieles verloren geht. Nachdem wir einzelne Spannungen abgebaut haben, ist zwischen uns jetzt wieder mehr echte Nähe möglich. Die ständige Ablenkung fällt weg. Du wirst gezwungen, dich mehr miteinander zu beschäftigen. Und das finde ich durchaus sehr schön.

5. Was nimmst du davon mit in deine Zukunft?

Das ist für mich jetzt wie ein Beginn. Es gibt zwei Sichten auf die Krise. Einige unter uns hoffen, dass diese Zeit bald vorbei ist. Aus der transformativen Sicht ist es für mich persönlich, für die Wirtschaft und für viele andere Menschen wahrscheinlich gut, wenn dieser Zustand noch weiter andauert.

Ich möchte das Kochen, das Intervall-Essen und all das, was wir in unserer Beziehung begonnen haben uns gezwungenermassen anzugewöhnen, weiter kultivieren.

Wie verhinderst du, dass diese Dinge vergessen gehen, wenn ihr nach der Aufhebung der Massnahmen durch den Bundesrat wieder in euer “altes” Leben zurückkehrt?

Kurz bevor die Krise angefangen hat, hatten wir uns gegenseitig vorgeschlagen, ein Kanban Board anzulegen, um sich diese Dinge vor Augen zu halten. Es liegt an mir und erfordert einfach mehr Initiative und Planung. Dadurch gewinne ich auch wieder Energie, die ich vorher im Alltag nicht hatte.

6. Wenn wir den Horizont jetzt ein wenig weiter öffnen: Wie sähe für dich ein liebevoller Umgang von uns Menschen in unserer Gesellschaft – national wie international – aber auch von uns Menschen mit der Natur nach der Corona-Pandemie aus?

Eine Utopie, da bin ich dabei.

Wieso Utopie?

Man könnte sich ja auch an die Dystopie anlehnen. Aber ich bin jemand, der sich lieber an einer Utopie ausrichtet. Ich glaube, dass ich meine Realität selbst erschaffe und einen Einfluss darauf habe.

Ich denke, dass einige Menschen – gerade in den westlichen Ländern – bereits an dem Punkt angelangt sind, an dem sie merken, dass es so nicht weiter geht. Die Krise beschleunigt die Transformation. Es werden sich mehr Menschen die Sinnfrage stellen. Hat das alles, was wir aufgebaut haben, wirklich den Wert und Nutzen? Es ist ja nett, das ich ein Haus mit 300 m2 habe. Aber was bringt es mir? Was ist mir eigentlich wichtig im Leben? Ein zufriedenes Leben zu führen? Nicht permanent im Stress zu sein?

Es ist auch interessant zu sehen, wie schnell sich die Natur nach nur wenigen Wochen menschlicher Abstinenz erholt. Welchen Einfluss das hat. Wir Menschen können uns mehr daran ausrichten und unser Leben entsprechend gestalten. Das hat sicherlich eine Auswirkung auf die Wohnsituation, auf die Besitzsituation, auf die Frage, wo ich konsumiere. Wenn wir Menschen uns zunehmend selbst hinterfragen, ist Veränderung möglich.

7. Gibt es etwas, was du der Welt zum Thema “Liebe” sagen möchtest?

Liebe ist für mich das universell Verbindende. Liebe ist letztendlich das Einzige, was wirklich bleibt. Und Liebe geht für mich deutlich über das hinaus, was heute unter Liebe verstanden wird.

Was verstehst du darunter?

Liebe für das Leben, für sich selbst, für die Anderen. Diese Verbundenheit ist letztlich die Essenz.

8. Wenn du deine jetzigen Gefühle in einem Wort oder einem Bild ausdrücken würdest, welches wäre das?

In einem Wort, würde ich sagen: nachdenklich. In einem Bild: Ich stehe gerade auf einem Gipfel und unter mir ist das Wolkenmeer. Es ist schönes Wetter, ich laufe langsam nach unten und der Schleier lichtet sich. Das, was darunter liegt, kommt langsam zum Vorschein.