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Über das Leben und andere Kleinigkeiten

Zugegeben, der Titel dieses Artikels stammt von einem von Peter Ustinovs Büchern voller Erinnerungen und Anekdoten über das Leben und die Menschen. Er passt einfach so gut auf die Geschehnisse, die gleich folgen werden. Aber fangen wir von vorn an.

Ich wohne in einem Städtchen in der Agglomeration von Zürich. Kürzlich hatten wir innerhalb von einer Woche fünf Stromausfälle. Ich war gerade dabei, das Kopfhaar des Mannes in meinem Leben, der vor mir in der Dusche hockte, wieder auf 0.8 mm zu stutzen. Doch das Haarschneidegerät, das am Strom hing, gab plötzlich den Geist auf. Hm, vielleicht lag es ja an der Steckdose? Ich versuchte eine andere. Nichts.

Der zweite Instinkt zog mich an den Sicherungskasten. Alles war in Ordnung. Mein Mann hockte noch immer wartend in der Dusche. Ich schaute zum Backofen und sah, dass die Uhr, anstatt die Zeit anzuzeigen, von Schwärze erfüllt war. Ich machte das Licht an. Nichts. Ich schaute zum Fenster hinaus und sah meine Nachbarn auf ihrem Balkon stehend eine Zigarette rauchen. Also machte ich das Fenster auf und rief: „Habt Ihr Strom?“ „Nein, Ihr auch nicht?“ „Nein.“ „Ruft Ihr die Infrastruktur der Gemeinde an?“ „Ja.“

Ich ging wieder hinunter ins Badezimmer und informierte den noch immer geduldig Wartenden und Hockenden über die aktuelle Sachlage. Dann ging ich hinaus, stellte mich unter den Balkon der Nachbarn und wartete auf die neuesten Informationen aus ihrem Telefonat mit besagter Infrastruktur. Als ich so stand und wartete, kam I*, eine andere Nachbarin, durch den Schnee gestapft und fragte: „Habt Ihr Strom?“.

In Ordnung, die Infrastruktur wusste bereits Bescheid und war mit der Lösung des Problems beschäftigt. I* trottete wieder davon und ich begab mich zurück in meine Wohnung. Kurz darauf klopfte (nicht klingelte, da kein Strom) es an meiner Tür. G*, wieder anderer Nachbar, fragte: „Habt Ihr Strom? Weisst du, ich ging zuerst an den Sicherungskasten und… Na ja, dann ist ja alles klar.“

So, da wir nun alle wussten, was die Stunde geschlagen hatte, fragte ich mich, was dies nun bedeuten würde. Wir hatten gerade Hefe für ein Brot angesetzt, die an der Wärme gehen sollte. Ob das noch etwas wird? Wir hatten auch geplant, unseren samstäglichen Wochenendeinkauf zu tätigen. Beim Migros um die Ecke würde das wohl nichts werden. Wie sollten wir im Dunkeln die Lebensmittel finden und diese dann bezahlen? Hoffentlich befand sich gerade niemand im Lift, als der Strom ausfiel. Gut, dann fahren wir halt ins nächste Städtchen zum Einkaufen. Unser Auto lebt ja von Benzin und der Tank war zufälligerweise frisch gefüllt. Während ich so weiter überlegte, fragte ich mich, wie lange wir wohl Wasser haben würden. Das Wasseraufbereitungswerk steht gleich neben der Stromversorgung unten am Hügel.

Oh, und jetzt wurde es mir mit einem Schlag erst bewusst: Wir haben kein Internet! Wir sind völlig von der Welt abgeschnitten! Kein Licht zu haben, nicht kochen zu können, keine Heizung und warmes Wasser mitten im Winter zu haben, ist eine Sache. Da gibt es diverse BackUp-Szenarien: Kerzen, Knäckebrot, sich gemeinsam unter einer Decke wärmen und halt für einmal nicht duschen.

Aber kein Internet! Ständig bin ich in irgendwelchen Netzwerken, lese Nachrichten, poste, recherchiere etwas auf Wikipedia. Wir können jetzt nicht einmal mehr Musik hören. Wir besitzen keinen Fernseher mehr, keine HiFi-Anlage, keine CDs. Alles in unserem Haushalt läuft über das Internet. Panik machte sich bei mir breit und mein Herz begann zu rasen. Mir wurde das volle Ausmass unserer Abhängigkeit von Strom und Internet bewusst.

Doch dann, plötzlich, überkam mich eine vollkommene Ruhe und Gelassenheit, ein tiefes Freiheitsgefühl. „Interessant“, dachte ich mir. Eine neue Selbsterkenntnis. Ich war bis zu diesem Zeitpunkt davon überzeugt, dass ich mein „Online-Verhalten“ recht gut im Griff hätte, dass ich bewusst darüber entscheiden würde. Doch dies sah mein Unterbewusstsein wohl anders. Jetzt war ich frei, einfach nicht erreichbar (die Batterie meines Smartphones zeigte noch 9% an). So what?

… die Geschichte ist noch nicht zu Ende.

Als wir von unserem Einkauf nach Hause zurückkehrten, war der Strom wieder da. Wir stellten die Uhr des Backofens wieder ein. Wir waren für den Abend bei unseren Nachbarn – andere Nachbarn, die in diesem Stück noch nicht aufgetreten sind – zum Essen eingeladen. Wir buken unser Brot. Und gefühlte 1.5 Minuten später, nachdem wir das Brot aus dem Ofen nahmen, gab es ein Knall-Geräusch – und der Strom war weg.

„Was soll’s?“, dachten wir und gingen gewappnet mit dem warmen Brot und einer Taschenlampe hinüber zu unseren Nachbarn. Natürlich konnten diese nicht den bereits heiss angepriesenen Lachsauflauf zubereiten. Und so sassen wir bei Kerzenschein an ihrem Tisch, lachten über das Leben, assen das mitgebrachte Brot und Käse aus dem nicht mehr so kühlen Kühlschrank und genossen einfach unser Zusammensein. Wie in den „guten, alten“ Zeiten.

Ich habe dies nun fünfmal in Folge erlebt. Die Uhr des Backofens habe ich nach dem dritten Mal nicht mehr nachgestellt: Sisyphusarbeit.

3 Comments

  1. Carole 3. Januar 2018 at 18:43 - Reply

    Ja, macnhmal hat das analoge Leben doch auch seine Vorteile!

  2. Alli 9. Januar 2018 at 22:37 - Reply

    Und wieder einmal dürfen wir erkennen, dass es nicht die Links und Likes sind, die im Leben wichtig sind. Lachen bei Kerzenschein…wie googelt man das nochmal?

  3. B. Kästner 11. Januar 2018 at 17:06 - Reply

    Das ist ein wunderbarer Beitrag. Was braucht man zum Leben? Eine Kerze und ein warmes Brot, welches den Körper von innen wärmt. Wie schön!
    Endlich kommen die Menschen zur Ruhe und können sich auf das Eigentliche besinnen, das wirklich Wichtige.

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