Interview zwischen T und Juliane Kästner
Alter55Beruflich tätig alsInformatiker
GeschlechtsidentitätmännlichArbeitsortzu Hause
Sexuelle OrientierungheterosexuellBeziehungsstatusverheiratet

1. Wie geht es dir?

Was die Liebe angeht, ist alles in Ordnung. Man könnte sagen, es ist sogar besser. Ich bin jetzt die ganze Zeit zu Hause und es gibt keine Unterbrechungen durch meine vielen sonstigen Abwesenheiten.

2. Wie kommunizierst du im Moment mit deiner Partnerin?

Wir sind beide im Homeoffice und reden daher auch mehr miteinander. Solch eine lange Zeit zusammen haben wir eher selten.

3. Was hat sich in deiner Beziehung mit deiner Partnerin seit dem LockDown geändert?

In der Beziehung selbst hast sich nicht viel verändert. Durch das ganze Infektionsgefahr-Getöse vermeiden wir aber den körperlichen Kontakt. Wir sind unsere eigene Blase. Aber wenn das noch lange so weiter geht, wird sich das sicher noch ändern. Es hat sich einfach so ergeben. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.

4. Was schätzt du in deiner Beziehung im Moment am meisten? Was vermisst du?

Wir verbringen quasi 24 Stunden miteinander. Das ist schon eine andere Situation, als wenn beide zur Arbeit gehen. Es ist so ähnlich, als würde man die Zeit zusammen auf einem Segelboot verbringen. Auf einem solchen gibt es einen relativ engen Raum und man ist immer mit denselben Menschen zusammen.

Man muss sich halt ein bisschen organisieren, sich Strukturen geben. Wer sich wo einrichtet, damit man dann quasi auch “ins Büro gehen” kann.

Das Beeindruckende an der ganzen Sache ist ja, dass man nicht weiss, wie lange es noch geht. Es ist nicht so etwas wie Ferien, in denen man für drei Wochen zusammen verreist und dann bald schon das Ende auf sich zukommen sieht.

5. Was nimmst du davon mit in deine Zukunft?

Das wird sich wahrscheinlich erst entwickeln. Ich habe im Moment noch gar nicht richtig identifiziert, was das ist. Vielleicht müssten wir dasselbe Interview noch einmal führen, wenn der “Normalzustand” wieder eingekehrt ist. Falls das jemals wieder kommen wird.

6. Wenn wir den Horizont jetzt ein wenig weiter öffnen: Wie sähe für dich ein liebevoller Umgang von uns Menschen in unserer Gesellschaft – national wie international – aber auch von uns Menschen mit der Natur nach der Corona-Pandemie aus?

Ich glaube, es gibt einen grossen Teil in der Community, dem jetzt bewusst wird, was in den letzten zehn, zwanzig Jahren alles schief gelaufen ist. Durch Respektlosigkeit den Menschen und der Natur gegenüber.

Der Hauptgrund, warum wir das Ganze hier veranstalten, liegt ja darin, dass wir nicht ein Volk von Krankenpflegern sind, sondern ein Volk von irgendwelchen anderen Berufen. Die essentiellen Berufe für unser Überleben kommen eigentlich zu kurz und diese Erkenntnis kommt jetzt zum Vorschein. Wenn wir viel Glück haben, werden sich noch einige Menschen daran erinnern, wenn das alles einmal vorbei ist. Bei den meisten Menschen wird es wahrscheinlich nicht im Gedächtnis bleiben.

Mir fehlt die generationenübergreifende Solidarität. Das ist es, was mich am meisten aufregt, wenn ich diese Thematik auf Twitter oder anderen, etwas moderneren Kanälen verfolge. In dieser konkreten Situation, mit dieser Pandemie, ist es ja so, dass die Jungen den Alten beliebig viel schaden können. Und teilweise geht das sogar so weit, dass sie das bewusst in Kauf nehmen – Stichwort “Boomer Remover”. Das gibt zu denken. Wie sieht es dann in diesen Köpfen aus bei Dingen, die viel weniger dramatisch sind?

7. Gibt es etwas, was du der Welt zum Thema “Liebe” sagen möchtest?

Liebe gehört zu den essentiellen Dingen, auf die wir uns besinnen müssen. Wertschätzung oder zumindest die Abwesenheit von Hass wäre schon einmal eine grosse Errungenschaft.

8. Wenn du deine jetzigen Gefühle in einem Wort oder einem Bild ausdrücken würdest, welches wäre das?

Es ist wie eine Ozeanüberquerung mit einem kleinen Segelboot, aber man weiss nicht, wo der Ozean aufhört. Wir sind überzeugt, dass am anderen Ende Land ist, aber wir wissen nicht, wie wir da hinkommen. Einfach immer geradeaus.