Interview zwischen C und Juliane Kästner
Alter72Beruflich tätig alsRentnerin
GeschlechtsidentitätweiblichArbeitsortkeiner
Sexuelle OrientierungheterosexuellBeziehungsstatusverheiratet

1. Wie geht es dir?

Ich bin mit Widersprüchen konfrontiert. Aufgrund meines Alters und meiner Krebserkrankung gehöre ich zur Risikogruppe und bin dazu verdonnert, zuhause zu bleiben. Ich dürfte nicht einmal einkaufen gehen. Erst wurde gesagt, man solle alle Arztbesuche vermeiden und lediglich bei Problemen anrufen. Und dann kommt die Aussage, man solle Arztbesuche nicht auf die lange Bank schieben.

Nun bin ich ein Mensch, der nicht gern unnötig zum Arzt geht. Eigentlich stehen seit einiger Zeit wichtige Untersuchungen an. So wie es sich darstellt, habe ich den Eindruck, dass die Massnahmen von den Politikern nicht in allen Einzelheiten durchdacht wurden.

Und wir geht es mir mit Corona? Ich fühle mich eingesperrt. Das halte ich eine Weile aus, aber dann sehe ich draussen auch das schöne Wetter.

Und mit der unmittelbaren Kontaktaufnahme zu Verwandten oder Bekannten ist es schwierig. Man kann über WhatApp oder Telefon ja nicht wirklich ausführliche Unterhalten führen im Gegensatz dazu, wenn man intensiven, persönlichen Kontakt hat.

2. Wie kommunizierst du im Moment mit deinem Partner?

(lacht) Na ja, wir leben ja in einer über 50-jährigen Ehe. Da wird bloss über das Nötigste gesprochen, über die Probleme, die durch die Corona-Pandemie entstehen und wie man zuhause funktioniert.

3. Was hat sich in deiner Beziehung mit deinem Partner seit dem LockDown geändert?

Wir versuchen, etliches gemeinsam zu unternehmen, wie Spiele zu spielen oder die neuesten Corona-Nachrichten anzuschauen. Aber bereits das Wort “Corona” nervt mich nun mit der Zeit.

Ich bin ein bisschen gereizt. Bei Dingen, die ich in der Ehe toleriert habe, kommt es vereinzelt zu Auseinandersetzungen. Ich kann meinen Partner ja nicht so umwandeln, wie ich es gern möchte. Er ist so, wie er ist.

4. Was schätzt du in deiner Beziehung im Moment am meisten? Was vermisst du?

Nach der langen Ehe geht einiges an Einfühlungsvermögen und Rücksichtnahme verloren. Es kommt mir momentan mehr zu Bewusstsein, was mir am Anderen eigentlich fehlt, mehr Zärtlichkeit und eine liebevoller Umgang miteinander. Alles ist so rational.

5. Was nimmst du davon mit in deine Zukunft?

Ich habe in den ganzen zurückliegenden Jahren oft versucht, etwas zu verändern. Jedoch blieb mir vieles durch die finanzielle Abhängigkeit verwehrt.

Manchmal zweifle ich an mir selbst. Vielleicht sind meine Erwartungen zu hoch. Mein Partner kann mir gar nicht bieten, was ich mir vorstelle und wünsche. Er ist auch ein Menschen und kann oder will gar nicht darüber nachdenken, wie er etwas verändern könnte. Er ist vielleicht auch sehr von sich selbst überzeugt.

Mein Partner hilft und macht viel, aber in einer Art von Pflichtbewusstsein. Mir fehlt dabei die innere Zuneigung, Wärme und Liebenswürdigkeit.

6. Wenn wir den Horizont jetzt ein wenig weiter öffnen: Wie sähe für dich ein liebevoller Umgang von uns Menschen in unserer Gesellschaft – national wie international – aber auch von uns Menschen mit der Natur nach der Corona-Pandemie aus?

Bei uns Menschen müsste sich der Horizont gewaltig erweitern. Ich habe das gerade dieses Wochenende erlebt. Wir leben an einer Landstrasse und ich habe mich gefragt, ob die jungen Menschen das Bewusstsein zur Natur noch nicht entwickelt haben. Es war ein solch reges Verkehrsaufkommen, so dass wir in unserem Garten nur noch eine Dröhnen von Motoren gehört haben. Die Menschen wollten das schöne Wetter nutzten und liessen sich nicht einschränken. Was sie damit der Natur antun, ist ihnen dabei wahrscheinlich gar nicht bewusst.

Und was den Umgang unter uns Menschen betrifft? Da wir einen Hund haben, geht mein Mann viel in die Natur. Er trifft während seinen Spaziergängen nun fremde Menschen an, die mit ihm auch mehr ins Gespräch kommen. Sie sind zugänglicher und bieten Hilfe an. Das gab es früher nie. Die Solidarität unter den Menschen in der Nachbarschaft ist grösster geworden.

Aber weitergedacht, international,. Da kommt es auf die Generation an. Ich finde, dass die jungen Leute offener sind als die älteren. Die Alten sind eingefahren mit ihrer Ausländerfeindlichkeit und ihrem Egoismus. Alle sehen im Fernsehen, wie es den Flüchtlingen geht oder auch den Frauen.

Frauen und Kinder sind die Leidtragenden und Opfer dieser ganzen Misere. Aber warum ist es so, dass Männer ihre ganze Frust an den vermeintlich Schwächeren auslassen? Es wird gar nicht anerkennt, dass Frauen eigentlich viel mehr Kraft als Männer haben, sich durch Notsituationen zu manövrieren. Die Männer sind eher die Weicheier, die sich gehen lassen. (lacht)

7. Gibt es etwas, was du der Welt zum Thema “Liebe” sagen möchtest?

Liebe ist für mich ein grosser Begriff. Die Menschen sind sehr hartherzig geworden, egal in welchem Land sie leben. Die Welt hat sie so geformt. Liebe fängt in der Nächstenliebe an.

Und ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn sich die verschiedenen Länder untereinander besser verstehen würden. Es gibt so viele Feindbilder. Aber wer erzeugt diese denn? Sicher nicht das “gemeine” Volk. Diese Feinbilder werden eher aus Machtansprüchen, aus Profitgier erzeugt.

Liebe auch über Landesgrenzen hinweg ist, sich nichts Böses anzutun. Rücksicht zu nehmen und untereinander hilfsbereit zu sein.

8. Wenn du deine jetzigen Gefühle in einem Wort oder einem Bild ausdrücken würdest, welches wäre das?

Eingesperrt sein.